Das Erste KlimaZukunft SommerCamp findet in Hofheim statt

Jugendliche aus dem Main-Taunus-Kreis erschaffen eine Ideenfabrik für Aktionen gegen den Klimawandel

„Es geht darum aus dem Konditional raus – ‚man könnte, sollte, müsste‘ – und rein ins Tun zu kommen“ erklärt Andrea Clément, Vorstand der Clément Stiftung, eine Organisation die Bildungsprojekte in Bezug auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz für Kinder und Jugendliche organisiert. Das “KlimaZukunftsSommerCamp”, welches vom 10. bis 14. August 2020 in Hofheim stattfindet, ist für sie ein echtes Herzensprojekt. Unter den Hashtags #HackeDeineStadt und #WirFindenLösungen kommt hier eine Gruppe junger, kluger Köpfe zusammen, um lokale Lösungsideen für eine komplexe, globale Herausforderung – den Klimawandel – zu erforschen, zu entdecken und kreativ auszuarbeiten.

Marisa Pettit hat den Artikel geschrieben und fotografiert.

Die Clément Stiftung ist Förderpartner des Sommercamps und begleitet es zusammen mit einer ganzen Reihe verschiedener lokaler, nationaler sowie internationaler Bildungs- und Umweltorganisationen. Ecokids, eine in Hofheim ansässige Organisation, die Workshops und Aktivitäten für Kinder rund um das Thema Nachhaltigkeit organisiert, stellt den Standort des Sommercamps zur Verfügung: eine wunderschöne Streuobstwiese mit vielen Obstbäumen, Beerensträuchern und Bienenstöcken. Die Geschäftsführerin von Ecokids und Imkerin Katrin Conzelmann-Stingl ist jeden Tag dabei und betreut die Jugendlichen sowohl praktisch als auch pädagogisch. Ebenfalls im Team und als Coaches aktiv sind: Kajo Stelter von Weltweit e. V., einer NGO mit Sitz in Bad Soden, die lokale nachhaltige Initiativen in der ganzen Welt fördert, Irina Rogge von GeWissen-Schaffen, einem sozialem Startup, das Bildungsprojekte zu Technologie und nachhaltiger Entwicklung für Kinder und Lehrkräfte in Berlin und Mexiko organisiert, und Waldo Soto von 2811, einem in Chile gegründeten Sozialunternehmen, das internationale Projekte mit positiver sozialer und ökologischer Wirkung unterstützt.

Ein weiterer wichtiger Kooperationspartner ist die SolarInvest Main-Taunus e. G., eine etablierte Solarenergie-Genossenschaft, die die Region in ihren Bestrebungen unterstützt, die benötigte Energie nachhaltig zu erzeugen. Die Photovoltaikanlagen, die sie betreiben, produzieren dezentralen, umweltfreundlichen Solarstrom und sind ein wirksames Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Aber wie können sie noch mehr engagierte Bürger gewinnen, die sich an der Erzeugung lokaler Energie beteiligen, in neue Projekte investieren und selber Solarmodule auf ihren Dächern installieren? Das ist die Klima-Challenge, die die Jugendlichen diese Woche selbst in die Hand nehmen.

Katrin, Kajo, Irina und Waldo leiten das Camp und unterstützen die Teams: Von der Problemstellung am Montag über Brainstorming und Ideenaustausch bis hin zum letzten Pitch am Freitag, wo sie ihre Ideen nicht nur Freunden und Familie, sondern auch Lokalpolitikern, Klimaexperten und natürlich SolarInvest selbst präsentieren. Die 14 jungen Teilnehmer sind im Alter von 12 bis 15 Jahren, besuchen alle verschiedene Schulen und kommen aus verschiedenen Orten, darunter Dietzenbach, Flörsheim, Eppstein, Frankfurt und Hofheim. Sie sind jedoch vereint durch eine Leidenschaft für positive Veränderung und für mehr Engagement im Kampf gegen den Klimawandel. „Ich finde es richtig gut, dass es so viele Kinder gibt, die sich dafür interessieren, darin Zeit investieren und daran auch Spaß haben“, erklärt der 13-Jährige Len begeistert.

Das Konzept des KlimaZukunftsSommerCamps stammt aus dem Young Innovators-Programm, das von Climate-KIC, der größten Klima-Innovations-Initiative der EU, ins Leben gerufen wurde. Das Young Innovators-Programm fördert die zukünftigen Entscheidungsträger – die junge Leute von heute – als Change Agents und Innovatoren für Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung. Durch praktische Workshops, innovative und partizipative Lernmethoden und das sogenannte “challenge-based”-Lernen, bekommen die Jugendlichen spielerisch und kreativ ein konkretes Instrument in die Hand, um selbst aktiv zum Klimaschutz beitragen zu können. Die einwöchige Veranstaltung in Hofheim war die allererste Veranstaltung dieser Art in Europa. Und hoffentlich die erste von vielen mehr.

Wo Leidenschaft und Energie auf positive Wirkung trifft

Foto :: Marisa Pettit

Am ersten Tag wird das Camp von Vertretern von SolarInvest, Alex Wenzel, Günter Bouffier und Konrad Petry besucht. Mithilfe des mitgebrachten Solarpanels können sie der Gruppe bei strahlendem Sonnenschein praxisnah etwas über Solarenergie beibringen. Stefan Huber, Projektleiter beim Hofheimer Wohnungsbau, ist auch zu Gast und erzählt vom Mehrgenerationenhaus „Wir“ in Klingenborn, wo eine PV-Anlage von SolarInvest installiert wurde. Alle Bewohner bekommen grünen Solarstrom direkt vom Dach. Es gibt zwar schon großartige lokale Initiativen wie diese, aber auch noch so viele leere Dächer – also noch mehr Wirkungspotenzial! Wie kann SolarInvest auch an diese Dächer rankommen? Was könnte ein Weg dahinsein?

In den nächsten fünf Tagen machen sich die Jugendlichen an die Arbeit. Nachdem sie vier Gruppen gebildet haben, werden sie Schritt für Schritt vom Problem zur möglichen Lösung geführt, mithilfe von Spielen, Präsentationen, visuellen Hilfsmitteln und sogar einer Einführung ins Design-Thinking. Sie lernen verschiedene Erzähltechniken kennen, mit deren Hilfe sie am Freitagnachmittag ihren „Pitch“ perfektionieren können. Einige der Teams rufen lokale Klimaexperten und -Politiker an, um Feedback für ihre Ideen zu holen und Unterstützung für ihre Pläne zu gewinnen. Aber es ist auch nicht alles harte Arbeit, sondern aufgelockert mit regelmäßigen Pausen für Seifenblasen, Slackline-Training und einem Ausflug zur Abkühlung im Schatten neben einem nahe gelegenen Bach. Denn wer viel erreichen will, muss auch Spaß dabei haben.

Wenn sie beginnen, sich eingehender mit dem Problem zu befassen und alle beteiligten Personen, Institutionen und Strukturen zu berücksichtigen, wird die Komplexität des Problems schnell deutlich. „Ich habe gelernt, dass es zu bestimmten Themen eine sehr große Vielfalt von Ansichten gibt“, sagt die 15-Jährige Hiwa. „Und dass es viele Probleme gibt. Und dass viele Probleme meistens politisch sind. Es ist nicht so, dass es nicht funktioniert, sondern die Leute sind nicht damit einverstanden, weil sie nicht miteinander kommunizieren.“ Diesen Kommunikationsbarrieren entgegenzuwirken, genau darum geht es auch hier beim Sommercamp. Es wird ein Ort geschaffen, wo lokale und nationale NGOs, Politiker und Jugendliche mit einer Leidenschaft für Veränderung und für eine bessere Welt zusammenkommen können, und so entsteht die Möglichkeit, diese Symbiose in eine positive Wirkung umzuwandeln.

Infolgedessen gibt es im Laufe der Woche noch weitere Besuche: Vom Hofheimer Stadtrat Bernhard Köppler, dem Umweltbeauftragten der Stadt Hofheim, Ulrich Disser und von Daniel Philipp, Klimaschutzbeauftragter des Main-Taunus-Kreises. Sie klären über die umweltfreundlichen Bauprojekte und Energieeinsparungsmaßnahmen in der Region auf. Daniel Philipp ist begeistert vom Ziel des Sommercamps und den potenziellen positiven Auswirkungen: „Jede und jeder in jedem Alter kann etwas machen, und es ist ganz wichtig, dass Kinder von Anfang an auch für sich verinnerlichen, wie wichtig das Thema ist.“

Innovative, praktische Lösungen für lokale Herausforderungen

Beim großen Finale am Freitagnachmittag versammeln sich alle Gäste, Organisatoren, Freunde und Familienangehörige auf der Obstwiese, um die Ideen zu hören – und den Gewinner zu bestimmen. Im Publikum sitzt auch Kreisbeigeordnete Madlen Overdick, deren Dezernat u.a. für Umwelt und Klimaschutz zuständig ist.

Foto :: Marisa Pettit

Die vier Teams präsentieren ihre Ideen mit Leidenschaft und Begeisterung: Ein Team plant, durch direkte Kampagnen und Connections mehr Kunden für SolarInvest zu gewinnen – und besucht dazu ein Unternehmerfrühstück um dort direkt für SolarInvest zu werben. Sie haben auch schon einen Kontakt geknüpft und erhalten dadurch eine Einladung. Ein zweites Team hat eine Werbekampagne für das Radio entwickelt, und möchte dadurch die Zuhörer mit Humor für Solarenergie begeistern – nach einem letzten Schliff ist das Drehbuch fertig für das Tonstudio. Jetzt brauchen sie nur noch jemanden beim Radio, der ihnen bei der Ausstrahlung hilft. Ein drittes Team hat die ehrgeizige Idee, die Wirkung der PV-Anlagen durch die Kombination mit Windturbinen zu verdoppeln – und hat sogar ein Modell ihrer Idee vom Vorabend angefertigt, das sie mitbringen. Und ein viertes Team will eine Klimawoche in der Schule initiieren, mit einem Schwerpunkt auf dem Klimawandel im Unterricht, Initiativen zum Energiesparen und vielleicht sogar einer PV-Anlage auf dem Schuldach – sie wollen mit dem Plan beginnen, sobald das neue Schuljahr beginnt. Die Vielfalt und Kreativität, die die verschiedenen Teams gezeigt haben, machen es SolarInvest unmöglich, sich für einen direkten Gewinner zu entscheiden. So wird der erste Platz wird prompt durch vier geteilt. Jeder Teilnehmer erhält ein Teilnahmezertifikat sowie eine eigene Mini-Solarzellenlampe zum Mitnehmen.

Günther Bouffier und Peter Schöbel von SolarInvest sind tief beeindruckt von der, „Vehemenz und Inspiration“, die die jungen Leute gezeigt haben. Auf die Frage, ob er Interesse hätte, in Zukunft an einer ähnlichen Veranstaltung teilzunehmen, war Bouffiers Antwort eindeutig: „Ja gerne! Ich denke da waren sehr hilfreiche Ideen dabei, die uns weiterhelfen, neue Dachflächen hier im Main-Taunus-Kreis zu gewinnen. Erstmal ist es für die SolarInvest gut und damit auch gegen die Klimakrise“. Sie sind überzeugt, dass es wichtig ist, junge Menschen für das Thema zu engagieren, denn das ist die Generation, die den Klimawandel erst richtig zu spüren bekommen wird. Sie sind die Change-Maker von morgen. Mit diesen Worten wendet sich Ströbel auch an die Kinder: „Wenn nicht ihr, dann wer?“

Wie geht es weiter?

Der nächste Schritt ist, die Projekte, die die Kinder angestoßen haben, zu unterstützen, sodass ihre gut formulierten Ideen auch in die Realität umgesetzt werden. Diese Unterstützung umfasst ein Online-Mentoring-Programm mit regelmäßigen Check-Ins zwischen den Jugendlichen und den Camp-Organisatoren sowie den Zugang zum breiteren Netzwerk der Organisatoren. Es steht sogar Unterstützung in Form von finanziellen Mitteln zur Verfügung, um ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ideen zu helfen – sei es die Anmietung eines Tonstudios oder das Drucken von Werbematerial.

Nach Abschluss dieses einzigartigen Sommercamps können sich diese jungen Leute als Experten für Klimalösungen bezeichnen und werden automatisch die ersten Mitglieder eines Alumni-Netzwerks des KlimaZukunftsSommerCamps. Das gibt ihnen die Chance, mit zukünftigen Camp-Teilnehmern in Kontakt zu treten, anderen jungen Menschen Ratschläge zu geben und vielleicht sogar mit ihnen an weiteren Klimalösungen in der Zukunft zusammenzuarbeiten. „Ich hoffe, dass wir im Main-Taunus-Kreis, mit Strahlkraft vielleicht auf Hessen, weitere Projekte initiieren können“, sagt Andrea Clément.

Das KlimaZukunftsSommerCamp war ein wertvoller Lernprozess für die Teilnehmer, aber es war auch ein Weg, alle möglichen unterschiedlichen Menschen zusammenzubringen, um gemeinsam an konkreten Ideen für eine nachhaltigere Welt zu arbeiten. Schließlich ist Zusammenarbeit der Schlüssel, wenn es darum geht, die effektivsten, praktikabelsten und effizientesten Lösungen zu finden. Oder wie es die 15-Jährige Naila so schön formuliert: „Ich habe gelernt, dass jeder was machen kann. Und dass es sehr viel verändern kann, wenn alle etwas zusammen machen.“

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Um die Klimakrise zu bewältigen, müssen alle aktiv werden. Vielen Dank an alle, die dieses Sommercamp möglich gemacht haben. Auf viele weitere Sommercamps, mehr Empowerment und Inspiration und mehr jugendliche Lösungen für die Herausforderung des Klimawandels!